Meine Angst – und wie ich damit umging

 

 

Amor und ich hatten vor noch gar nicht allzu langer Zeit eine ziemlich schwierige Phase. Amor, der typische Hafi: damals ca. 18 Jahre alt, rotzfrech, sehr neugierig, jedoch auch sehr ökologisch veranlagt, ein Gewerkschafter. Er ging damals mit mir nur bis zu jener Leistungsgrenze, die er für vertretbar hielt. Wollte ich über dieses Pensum hinaus, wurde er - trotzdem er wesentlich mehr geistig bzw. körperlich hätte leisten können - motzig und buckelte rodeomäßig. Ich hatte damals noch nicht wirklich begriffen was es heißt, ein Pferd zu freudiger Mitarbeiter zu motivieren – weshalb er mich oft schmerzhaft auf den Hosenboden holte.


Jedenfalls: Sommer bis Herbst 2010 hatte sich das ganze ziemlich gesteigert. Ich hole mir meinen Reitunterricht ausschließlich auf Kursen. Und auf diesen Kursen wird mit Unterstützung des Trainers natürlich doch jenes Quäntchen mehr gefordert, als ich Herrn Hafi sonst zu Hause alleine abverlange. Also legte er gerade auf Kursen immer gerne los: mußte er alleine in der Halle bleiben, schrie er wie am Spieß, schlug wild mit dem Kopf und buckelte. Das hatte sich bei mir bis ins Frühjahr 2011 hinein so festgesetzt, daß ich nur noch Angst hatte: Angst vor dem Herunterfallen, Angst vor dieser geballten Ladung Kraft, die das Pferd mir da frech entgegenwarf, Angst vor Schmerzen, Angst vor dem Kontrollverlust, usw.

 

Ich erhoffte mir Hilfe von einer Tierheilpraktikerin, obwohl ich in Richtung Esoterik und Globulis und so weiter doch sehr skeptisch war. Nach ausführlichem Gespräch bekam Amor sein Konstitutionsmittel in Form von Globulis. Gerret und Laika ließen wir gleich mit überprüfen. Nachdem Gerret seine Globulis nicht alleine nehmen wollte, dachte ich mir: ok, sind ja nur Zuckerkügelchen – und nahm auch welche. In der Potenz C 1.000...

 

Einen Tag später ging Amor mit mir im Gelände zweimal böse durch, was er - eigentlich DAS Energiesparpony schlechthin - noch nie gemacht hatte. Heute bin ich felsenfest der Überzeugung, daß diese Globulis (auch die, die ich nahm, denn ich stand gut und gerne vier Wochen lang komplett neben mir...) und dieses Erlebnis doch irgendwie seinen Sinn hatten: sie reseteten unsere Beziehung. Wir waren bei Null. Was sollte nun werden...?


Ich war mental so fertig, daß ich wirklich sehr ernsthaft darüber nachdachte, Amor zum Schlachter zu bringen. Ich traute mich nicht mehr zu reiten, guten Gewissens konnte man so ein Pferd ja auch nicht verkaufen. Es waren sehr, sehr schwere Tage für mich. Und für Amor. Wie verlassen von mir mußte er sich die ganze Zeit vorgekommen sein. :-(


Dann hatte ich zufällig zwei Reitstunden, die ich wahrnahm, weil ich noch unentschlossen war, wie es weitergehen sollte, ich jedoch auch Hilfe suchte. Eine Reitstunde hatte ich bei David de Wispelaere, eine bei Dr. Ludwig Massmann. Ich traute mich nicht einmal zu traben. Und beide sagten mir innerhalb einiger Tage das gleiche: "Tanja, was hast Du denn, der ist doch ganz ruhig und entspannt, der Schweif pendet, er ist losgelassen!!??!!" Und ich hatte immer nur das Gefühl: ich sitze auf einem Pulverfaß, das gleich explodiert! Diese von einander völlig unabhängigen Aussagen gaben mir schwer zu denken. Was lief falsch? Wie kam ich offensichtlich zu diesem so falschen Bild von meinem Pferd?


Ich holte mir Rat, welche Bücher hier weiterhelfen könnten, kaufte beispielsweise

 

„Positiv denken – erfolgreich Reiten“ von Jane Savoie und

„Mental-Training für Reiter“ von Antje Heimsoeth

 

und habe viel darüber nachgedacht, wie ich mich innerlich umpolen könnte. Denn offensichtlich lag es doch nur an mir...?!?

 

Zunächst habe ich negative Wörter wie "Nein" oder "nicht" gestrichen und gedanklich nur noch positive Formulierungen benutzt, habe aufgehört "Bitte nicht buckeln!" zu denken, sondern dafür "Wir reiten vorwärts!" und mir das auch schön vorgestellt. Vor allem diese geistigen Bilder haben mir sehr weitergeholfen. Ich habe mir sehr genau vorgestellt, wie ich meinen Amor reite und wie schön es ist und diese Bilder immer mehr sehr explizit gedanklich ausgeschmückt: wie Amor geputzt und die Mähne eingeflochten ist, wie wir ganz relaxed über eine Wiese traben, wie ruhig und entspannt alles ist, die Vögel singen, der Himmel ist blau, das Pony kaut auf seinem Gebiß, ich sitze zentriert im Sattel, usw.


Als nächstes brauchte ich eine Strategie für meine Angstattacken. Ich überlegte, was wohl eine sehr entspannende Situation für mich wäre: Klar, ich in der Hängematte am weißen Karibikstrand, blaues Meer, unter Palmen mit einem Caipirinha in der Hand, Sonne, usw. Auch dieses Bild habe ich immer weiter gedanklich ausgeschmückt. Und diese Situation habe ich immer genau dann hervorgeholt, wenn ich merkte, daß ich Angst auf dem Pferd bekomme. Dieses "Bild-herholen" hat sich sehr schnell verselbständigt: ich mußte nach einiger Zeit nicht mehr daran denken, es herzuholen, sondern es kam von alleine und hat mich sehr entspannt. DAS hat sich dann wiederum auf mein Pferd übertragen.


Mein letzter Schritt war, mich dazu durchzuringen, nur noch sehr genau auf mein Bauchgefühl zu hören. Wenn ich raus zum Stall kam und hatte nur ansatzweise das Gefühl, daß ich mich der Situation nicht stellen könnte, habe ich was anderes gemacht: Pferd geputzt, Spazierengehen, Bodenarbeit, Zirkuslektionen. Irgendwas, was mir in jedem Fall ein positives Erlebnis bescherte. Sagte mein Bauch: "Ja, heute reiten wir." bin ich geritten - manchmal auch nur 10 Minuten. Allerdings habe ich auch da situativ gehandelt: ich habe einen Western- und einen Barocksattel. Im Westernsattel fühlte ich mich sicherer. Im Barocksattel ist Amor ja zweimal mit mir durchgegangen. Ich bin auch schon aus dem Westernsattel böse von ihm abgestiegen worden. Trotzdem fühle ich mich da sicherer. Ich wußte, daß das nicht rational ist. Aber wenn mir das half, mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit zu bekommen – warum nicht?

 

Mein Bauchgefühl sagte mir aber noch mehr: Tanja, geh zu dem zurück, was Du kannst, mach da weiter, versuche nicht, auf der Überholspur zu fahren. Sprich: wie gerne würde ich auch von Kurs zu Kurs solche Verbesserungen wie meine regelmäßigen Mitreiter vorweisen können. Aber mit eigenem Stall, viel Arbeit und mangels gleicher Trainingsmöglichkeiten wie Halle und Platz geht das bei uns eben nicht. Ich mußte lernen, mit wesentlich kleineren Schritten zufrieden sein zu müssen.


So hab ich mich aus dem ganz tiefen Loch rausgeholt. Ich bin recht kleine Schritte gegangen. Anfangs waren wir nur im Gelände. Ich ließ das „Reiten“ sein, saß nur gemütlich drauf, versuchte, keine Angst zu haben und gab Amor den Zügel lang. Anfangs war das schwierig, denn ich konnte mit Amor nur alleine ins Gelände, da Laika aufgrund ihrer Arthrose damals schon nicht mehr reitbar war. Und es war hart, außen herum bei den anderen immer wieder zu sehen, welche Fortschritte sie machten und mein Zosse und ich mußten zurück, ganz zum Anfang. Ich sagte viele Kurse ab, weil mir nur noch jämmerlich zumute war.

 

Doch ich merkte, daß es aufwärts ging: ich wurde sicherer, meine inneren Bilder halfen mir, mich im Sattel wieder zu entspannen. Nachdem ich in Schritt und Trab gut zurecht kam, wollte ich wissen, ob ich mich auf Amor auch im Beisein anderer Pferde sicher genug fühlte. Ich verabredete mich mit Bekannten zu kleinen Tagesritten, bei denen abgemacht wurde, daß ich das Tempo bestimmen konnte. Traute ich mich sogar zum Galopp, galoppierten wir auch einmal. Ansonsten hörte ich auf meinen Bauch.


Im November 2011 ritt ich erstmals wieder einen Reitkurs im Westernsattel mit. Ich hatte noch etwas Muffe, blieb aber auch dann recht ruhig, als Amor einmal einen Satz machte oder sich ein wenig aufspielte, als ein anderes Pferd die Halle verließ. Ich konnte sogar mal wieder in der Halle galoppieren.

 

Im Februar 2012 folgte ein Dressurlehrgang mit Barocksattel. Hafi hat auch hier zweimal gebuckelt. Ich hatte auch ein wenig Angst, aber sie war nicht mehr so maßlos wie zuvor, und sie war sehr schnell wieder weg. Ein weiterer Kurs mit März 2012 war dann das Highlight: kein Buckeln, ein total motiviertes Pferd, ich komplett angstfrei! Ich hab anschließend ein paar Tränen verdrückt. :-)


Was der Grund bei uns war, wie ich im nachhinein festgestellt habe: ich habe zum einen zu viel von meinem Pferd verlangt und war gleichzeitig nicht bereit, viel zu geben. Vereinfacht gesagt: er sollte traben, ich gab die Trabhilfe und ließ ihn dann alleine, habe in diesem Moment aufgehört zu reiten. Da hat er sich gesagt: also mach ich halt was anderes. Seitdem ich nun so viel mental an mir gearbeitet habe und mehr "reite" und zwar jede Sekunde, die ich im Sattel sitze, klappt vieles besser.

 

Zum anderen habe ich gelernt, Amor stark zu motivieren. Ich habe jede noch so winzige Kleinigkeit gelobt und ihm so immer mehr und öfters das Gefühl gegeben, das beste Pferd der Welt zu sein. Vorher war er mir gerade einmal gut genug. Das hat er gemerkt und entsprechend quittiert-

 

Nach dieser langen Zeit haben wir schnell wieder Fortschritte gemacht und sind nun wesentlich weiter als vor dem tiefen Loch. Aber auch noch heute machen „die anderen“ schnellere Fortschritte als wir. Aber ich habe festgestellt, daß es mir nicht mehr wichtig ist, „mithalten“ zu können. Viel wichtiger ist mir, daß ich mit Amor auf einer gemeinsamen Ebene stehe und er mit mir Spaß hat. Sicher: ich habe schon noch das Ziel irgendwann einmal einen richtigen fliegenden Galoppwechsel zu reiten. ;-) Und darauf arbeiten wir auch hin, wenn der Weg auch noch weit ist. Aber das geht bei uns eben langsamer.

 

Dafür haben wir uns wieder. :-)